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Der Filmkünstler Sebastian Linke


Meister der Mainzer Schule

von Bernd Zywietz / Screenshot
REGION





I.

Der Sammler steht in einem Keller und präsentiert der handgeführten Kamera die aufbewahrten gebrauchten Kondome in einem Schränkchen. Jedem ist eine Frau zugeordnet. Wobei eines der Präser den nachfolgenden Damen wie dem Sammler selbst – so erklärt dieser plötzlich ernst – das Leben gerettet hat.

Mit dem Aids-Aufklärungsspot „Der Sammler“ hat Sebastian Linke dieses Jahr den ersten Preis beim clip&klar-Wettbewerb der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gewonnen. Im Fernsehen war er daraufhin, in der Zeitung. Und gerade deshalb ist es fast schon billig, mit dem kleinen, schnodderigen und in dieser seiner Weise höchst gelungenen Film einen Bericht über Linke aufzumachen. Einfach, weil da mehr ist und war, schon vorher. Nicht nur in Mainz, aber auch dort oder besser: gerade hier.

Obwohl auch regelmäßiger Beitragslieferant für das Hamburger KurzFilmFestival ist Linke vor allem das, was man eine lokale „feste Größe“ nennen kann. Was soviel heißt wie: Mit ihm ist zu rechnen, auf dem FILMZ-Festival, Short Cuts oder dem Open Ohr Festival, auf dem er 2007 mit Gerald Haffke und „Das erste Mal“ den ersten Preis gewann.

Mehr noch aber ist Linke für Rheinland-Pfalz schlichtweg wichtig, weil er – bundes- oder weltweiter Erfolg hin oder her – jemand ist, den man (nun) stolz vorzeigen kann, der zeigt, was am Rhein möglich ist und auch geschieht, der aber zugleich als veritabler Kritiker auch in eben jene Richtung zielt. Linke kann mit Verve davon berichten, was hier prinzipiell schiefläuft. Das ist kein simples, wohlfeiles Lamentieren über zu kleine Fördertöpfe, sondern ein Verweis auf falsches Denken.

Das Problem, so der Autor, Regisseur, Produzent, Cutter u.v.m, sei, dass das sich selbst als Medienstadt verstehende Mainz samt dem Bundesland drumherum meint, sich in Sachen Film bei all seiner tatsächlichen Dimension zu sehr mit den Falschen, den Großen, messen zu müssen: mit Ludwigsburg, Berlin, mit Hollywood. Viele Entscheider in den Förderstellen und Auswahlgremien schielten entsprechend aufs Glatte, Gelackte und die kalkulierten inhaltlichen Trends, ohne zu erkennen, dass einerseits auch gewisse Filmhochschulen in Deutschland mit ihren technischen und finanziellen Möglichkeiten praktisch überfordert sind. Derweil – andererseits – sich im kleinen Mainz eine freie, authentische und spielerische Sprache entwickelt hat, die vor Ort schlichtweg nicht wahrgenommen wird. Sie hat das Zeug für einen eigenen anerkannten Stil, für Profil: Die Mainzer Schule – und Sebastian Linke selbst ist dafür Beleg und Repräsentant.

Solche Kritik klingt freilich immer erstmal nach chronisch missverstandener Künstlerei, der das Publikum zu dumm und die Förderer zu ignorant sind. Auch Linkes Plädoyer für gute Filmkunst als etwas, das offen sein darf, nicht alles erklären und bis zum Letzten durchkonzipiert sein muss, macht ihn dahingehend verdächtig.

Allerdings sind Linkes Filme allesamt zwar unterschiedlich ausgefallen, manchmal spröder, manchmal kalauernder, aber immer gelungen, sehbar und vor allem sehenswert – witzig und gewitzt.

Ein Einblick kann man sich auf der Homepage seiner Produktions„firma“ s-bust-show (http://www.s-bust-show.de) machen, auf der über dreißig seiner Filme zu sehen und dazu mit lohnenden Notizen versehen sind. Diese Anmerkungen, unterhaltsam geschrieben, geben Auskunft über die Entstehungsgeschichte und Realisierung der Filme, machen so das eine oder andere Manko verständlich (und den Film noch besser) und liefern nebenbei praktische Tipps, z.B. wie relativ einfach und doch verblüffend ein Gummiboot mit gekenterten Seeleuten auf hoher, sonniger See zu haben ist. Im trockenen Studio natürlich.






II.

Sebastian Linke, 1974 in Mainz geboren, studierte die letzten zehn Jahre an der Mainzer Kunstakademie, die er als Meisterschüler der Filmklasse nun verlassen hat. Mit familiärem Künstler-Background versehen, war für ihn klar, selbst auch die kreative Richtung einzuschlagen. Dass er nach einigen Irrwegen durch die Akademie und vorbei an ungeeigneten Dozenten schließlich beim Film landen würde, war eigentlich nur folgerichtig: Schon als Kind zeichnete und animierte er am Amiga 500 wie besessen Bilder und tobte sich mit Soundsamples aus.

Bildkreation, -bearbeitung und Montage, Tongestaltung und Musik, all diese Gestaltungstechniken fand Linke im und beim Film, den sinnvollen Rahmen dazu in der Filmklasse. „Film packt, fängt ein“, so Linke, eine Kunstform, die auf vielen Ebenen erzählt, welche sich wiederum multiplizieren.

Linkes Neugier gilt immer auch dem Blick auf die (Film-)Leinwand selbst. Er arbeitet, spielt und untersucht die Perspektive gegenüber des Films. Sowohl im Erzählen, als auch im Gestalten.

Der 10-minütige „Mangia“ (1998) persifliert nicht einfach nur die Elemente des Film Noir. Und „Carne Vale!“ (20 min., 2004), der brillante, spontan und schnell gedrehte Zombiefilm, in dem Untote guerillataktisch durch den Rosenmontagsumzug wanken und es damit zum eigenen DVD-Release schafften, ist nicht bloß einer der intelligentesten Beiträge dieses Horror-Genres, weil er dessen Regeln zelebriert.

Da klingelt es an der Wohnungstür, eine Figur öffnet. Keiner da. Ein Blick nach links und rechts den leeren Gang hinunter – und als die Figur den Kopf wieder geradeaus richtet, steht da – Buh! – plötzlich und unmittelbar vor ihr eine eklige Maskenfratze. Das ist nicht nur großartiger Mumpitz, effektiv und ungemein komisch, es zerlegt auch ganz konkret, leichthändig und ohne akademisch zu werden die Mechanismen der Manipulation und des film(künstlerischen) Blicks im Standard.

Was Linke wohl zum unseligen „Katze im Schrank“-Standard eingefallen wäre?

Allgemeiner und weiter geht er mit dem 3-minütigen Filmexperiment „the Art & the Audience“ (2005), das dem Kunstwahn nachgeht, genauer der leidigen Dauerfrage, ob, wie und wann Film Kunst ist und sein kann. In einer Reihe von „Einzelaufnahmen“ sind Besucher des Tages der offenen Tür (des „Rundgangs“ ) der Kunstakademie zu sehen, die im Rahmen einer Vorführung mit Irgendwas auf der Leinwand umzugehen versuchen. Tatsächlich hat Linke sie ohne nähere Angaben über Sinn und Dauer abwechselnd und ausschließlich schwarzen und weißen Bildern ausgesetzt – und dabei gefilmt. Ihre Reaktion auf dieser enervierenden Vorstellung wurde ihnen später vorgeführt. Mit deutlich gnädigeren Reaktionen.

Leider hat Linke, wie er selbst bemerkt, diese Präsentation nicht wiederum dokumentiert. Auch fehlt auf der Homepage noch der „echte“ Ausgangsfilm. Doch hier wie auch beim mit Gerald Haffke gedrehten „Gold“ (2008) wird deutlich, wie fatal eng Ulk und Ästhetik, Kunst und Kalauerei verwoben sind. Man kann auch sagen: wie Anspruch für sich und Aufklärung darüber hinaus doch auch und vor allem Spaß machen können und dürfen. Vielleicht gar: müssen.

Dem Erzählen selbst fühlt Linke folglich immer wieder auf den Zahn. Im „Heimatfilm“ „Rechts des Rheins…“ (2 min., 2004) lässt er einen Reiseführer einen genial doofen Mainz-Witz erzählen, der durch die reine Zelebrierung über sich hinausreicht. Auch findet sich bei ihm weiterer Pointenstoff wie „Wunschmaschien“ (2 min., 2003), eine Art Sketch auf höchstem „Badesalz“-Niveau oder dem frühen Horror-Thriller „Jesus zu Gast bei Gabi Schaf“ (30 min., 2003), bei dem – Achtung, Spoiler! - eine Frau dem mörderischen Wahnsinn verfallen ist, weil sie Jesus dereinst mit ihrem Cognac vergraulte. Empfehlenswerter noch ist das „Doku-Drama“ „Am Ende des Regensbogens“ (ca. 12 min., 2001), dessen Schluss vor allem im Wechselspiel mit seiner Gattungsform überrascht.

Neben diesen Pointen-Filmen finden sich bei Linke aber stets auch Meisterstückchen, die eine Art Auflösung verwehren und die gerade deshalb irritieren und verdutzen – schlicht weil man irgendwie das Gefühl hat, es müsse doch noch „was“ kommen (z.B. „Genesis“ (2005), „Babyshake“ (2006) „Das erste Mal“ ). Linke selbst sieht das anders: Alles, was zu sagen sei, sei eben gesagt. Und tatsächlich stehen diese Filme auf diese Weise als Erleben mehr und eindringlicher „für sich“ und bleiben so haften; ähnlich und doch jenseits eines Monty-Python-artigen Gags mit ohne Pointe. In diesen Situations- und Stimmungsfilmen, die weniger erzählen als miterleben lassen, ist Linke besonders in der immer etwas verkanteten Stimmung am besten. Alles ist witzig – so findet Linke. Man könnte auch sagen: Alles ist irgendwie – schräg.

Dazu passt die lebendige Kameraarbeit, die auf das Stativ verzichtet, um sich näher auf jenes Geschehen einlassen zu können, das sich vor ihr entfaltet. Das Zusammenspiel der Gestaltungselemente und Ebenen findet sich bei Linke – selbst Musiker – im Fluss von „Vis À Vis“ (3 min., 2001) und macht klar, warum er sich gut vorstellen kann (und sich dafür eignen würde), Musikvideos zu inszenieren.





III.

“Eine s-bust-show-Produktion“: das ist selbst bereits eine Sprachwitzelei mit Understatement. In ihr steckt jedoch eine Spur jenes bisweilen staubtrockenen Humors, dem in aller Ironie oder aber Freude am Absurden, am Surrealen oder dem reflektiert Plumpen und „Gefundenen“ bisweilen etwas Grimmiges innezuwohnen scheint. Etwas, das den Filmen Sebastian Linkes – bislang über 40 an der Zahl - eine ganz eigene Note verleiht. Unbehagen und Humor fallen bei Linke ohnehin manches Mal zusammen. Seine längsten Arbeiten, „Jesus zu Gast bei Gabi Schaf“ und „Carne Vale!“, widmen sich dem Unheimlichen – und so auch sein Abschlussfilm „Pilù oder das andere Leben” (24 min., 2007).

Für Linke bedeutet gutes Filmemachen, sich seinen vor allem auch technischen Möglichkeiten und Bedingungen bewusst zu sein. Daher auch der oft raue Charme der Filme. „Pilù“ zeichnet sich dagegen durch einen eher edleren, gleichwohl trügerischen Look aus. Der Film handelt von zwei nicht ganz unbedrohlichen Jugendlichen aus einer Drückerkolonne. Das Mädchen (gespielt von der eindrucksvollen Carolin Freund) und der Junge (Fabian Döring) landen bei einem etwas runtergekommenen Mann (Ulrich Cyran), der ihnen die alte Geschichte von der körperraubenden Hexe Pilù erzählt und beiden Unterschlupf gewährt...

Der Film führte Linke 2007 zum „Short Film Corner“ des Festivals in Cannes und wurde von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem „Prädikat Wertvoll” ausgezeichnet. In deren Begründung heißt es: Das „Umkippen des Films von einem modernen Vorstadtdrama in ein romantisches Schauermärchen gelingt dem jungen Filmemacher in seiner Abschlussarbeit mit altbewährten, dafür aber wirkungsvoll eingesetzten Mitteln. Die Räume wirken fremd, ihre Einrichtung passt nicht zu ihrem Bewohner und dieser wirkt, selbst wenn er bewusstlos zu Boden fällt, als würde er die Situation steuern und beherrschen.“

Das „altbewährt, aber wirkungsvoll“ schmeckt etwas unangenehm relativierend, und es gilt für „Pilù“ höchstens, wenn man ihn mit Linkes übrigen Filmen vergleicht. Tatsächlich zeichnet sich „Pilù“ durch etwas ganz Eigenes, Schräges unter der schönen (auf diese Weise nicht aber gelackten) Oberfläche aus. In dem Film geht es um mehr als nur „gut erzählen“, sondern darum, etwas Irritierendes in der sommerlichen Wohnsiedlung mitzuerleben, auf das man nie endgültig den Finger legen kann und vor allem nicht legen will.

Auch „Pilù“ zeichnet sich durch eine Pointe aus, fast einem Plottwist. Mag die Auflösung auch nicht gänzlich neu sein, gerät sie und damit der Film so originell und eindringlich, weil nicht alles explizit und auserzählt daherkommt. Als Zuschauer fröstelt man umso mehr, angesichts dieses eigenwillig direkten Blicks aus dem Augenwinkel.

Die Filmwelt ist Sebastian Linke mittlerweile zu klein geworden – zumindest, was sein geplantes Großprojekt „Das Akademion“ betrifft. Von einer Internet-Angelegenheit ist es über die Idee des überlangen Spielfilms nun zum Serienkonzept gereift. Inhalt: Der angehende Künstler Anton macht sich auf ins Königreich Akademion, wo ihn nicht nur fragwürdige Lehrmeister erwarten, sondern vor allem auch ein Endlager voller vergessener Kunstwerke aus allen Epochen und Herren Länder.

Mit dem „Akademion“ bleibt Linke sich im Sinne von „Gold“ & Co. treu: Nicht nur verspricht das Projekt mit seinem kaum zu bändigenden Potential, dem (Un-)Wesen der Kunst und ihrer Geschichte – auch lehrreich – auf den Zahn zu fühlen, sondern sich zudem ihren Betrieb zur Brust zu nehmen. Biographisch bedingte Seitenhiebe sind von Linke zu erwarten – und viel mehr dazu.

Produzenten, auf die „Das Akademion“ noch wartet, aber auch sonstigen Interessenten und einfach all jene, die ein wenig Zeit in sehenswerte Kurzfilme investieren oder in Kontakt mit ihrem „Macher“ treten wollen, seien noch mal auf die attraktiv aufgemachte Homepage Sebastian Linkes verwiesen:

http://www.s-bust-show.de

Dass er selbst nicht an die großen Filmhochschulen abgewandert ist (denn „da wollte schon jeder hin" ), sollte uns freuen.

Glück gehabt, Mainz.


18.1.09 23:44


„Kurzer Prozess“ / „Righteous Kill“

Der Pacino-De Niro-FilmFilm

von Maximilian Miguletz

USA 2008, Regie: Jon Avnet; Buch: Russell Gewirtz; Kamera: Denis Lenoir; Musik: Edward Shearmur; Produktion: Jon Avnet, Rob Cowan, Randall Emmett, Avi Lerner, Alexandra Milchan, Daniel M. Rosenberg, Lati Grobman.

Darsteller: Al Pacino (Rooster), Robert De Niro (Turk), 50 Cent (Spider), Carla Gugino (Karen Corelli), John Leguizamo (Detective Simon Perez), Donnie Wahlberg (Detective Ted Riley), Brian Dennehy (Hingis).

Verleih: Kinowelt
Laufzeit: 100 Minuten
Kinostart Dtl.: 01.01.2009



Hach, was wäre das doch eigentlich für ein Selbstläufer in Sachen Marketing: Pacino und De Niro – was soll da schief gehen? Zum ersten Mal treten zwei der größten Schauspiellegenden aller Zeiten im selben Streifen auf. Nicht in unterschiedlichen Sequenzen („Der Pate II" ) nicht nur für ein einzelnes Rendezvous im Café („Heat" ), sondern für zahlreiche gemeinsame Szenen. Dazu in einem narrativen Gefilde, das beide Stars in- und auswendig kennen und das sie groß gemacht hat. Braucht es mehr, um einen Film zu bewerben? Für die jüngere Zielgruppe gibt’s dann noch Stoff à la Stunt Casting, mit Curtis Jackson, besser bekannt als 50 Cent, dem nuschelnden Gangsterrapper aus den weltweiten Charts. Aber warum dann kaum PR? Schnellmerker erraten es sofort. Mit der Besetzung hat sich’s dann auch mit der Attraktivität von „Kurzer Prozess – Righteous Kill“.

Stilistisch unentschieden zwischen authentischem, psychologischem Polizeithriller und auf cool getrimmtem Actionfilm kommt Jon Avnets Werk wie eine ausgedehnte Episode ihrer liebsten, wenig anstrengenden US-Crime-Serie am Vorabend daher. Ein wenig komplexes Whodunit mit dem Versuch, das Moment der Selbstjustiz einzubringen. Aber ohne den Täter und dessen emotional aufgeladene Rachsucht, dessen Drang zur Gerechtigkeit oder dergleichen dient dieses Thema lediglich als Gimmick. Die meisten Superheldenfilme stellen Vigilantismus vielschichtiger dar. Lustigerweise ist in „Righteous Kill“ ein „The Dark Knight“-Poster zu sehen.

Alfred James Pacino und Robert Mario De Niro Jr. mimen zwei alteingesessene NYPD-Cops, die eine langjährige berufliche Freundschaft verbindet. Wieso sie sich so verbunden fühlen, warum sie gute Partner sind, was sie zum Beispiel erlebt haben, was sie zusammengeschweißt hat? Man erfährt es nicht. „In medias res“ könnte man mit zwei zugedrückten Augen sagen. Ihr neuester Fall führt Rooster und Turk auf die Spur eines Serienkillers. Der meuchelt mit Vorliebe brutale Zuhälter, Drogendealer, Vergewaltiger und Kindsmörder, die dem Arm des Gesetzes entwischt sind. Da hält sich die Fahndungsmotivation der beiden Polizisten in Grenzen. Ihre jungen Kollegen Perez (Leguizamo) und Riley (Wahlberg) werden misstrauisch und wähnen den Täter in den eigenen Reihen.

Genau das soll der Zuschauer von Anfang an vermuten. Nach einer schnell geschnittenen Anfangssequenz, die beide auf dem Schießstand, im Fitnessstudio, beim Schach und, in einer an Mad-TV erinnernden Sequenz, beim Baseball (parodiert sich De Niro hier wissentlich?) zeigt, gesteht De Niros Charakter Turk, 14 Menschen umgebracht zu haben. Im weiteren Verlauf wird dessen Aussage mehrfach dazwischen montiert. Aha, die Lösung des Falles vorne weg. Und dann auch noch öfter und immer schön die einzelnen Morde kommentierend. Wer diesen Braten nicht riecht, sollte mal mit Kochsalzlösung spülen. Zwar werden reichlich Köder ausgelegt, etwa in Form einer angedeuteten Affäre von Turks Freundin (sexy geheimnisvoll wie eh und je: Carla Gugino) oder dem kurzen Subplot um einen ehemaligen Cop. Die grundsätzliche Idee des Films und damit auch die wohl als Twist gemeinte Auflösung überraschen trotzdem kaum.

Abgesehen von dem vermeintlichen Geständnis verzichten Autor Russel Gewirtz („Inside Man" ) und Regisseur Jon Avnet („88 Minutes" ) sowohl auf Erzählexperimente als auch den Entwurf authentischer Charaktere. Immerhin legen sie den Figurhülsen teils raffinierte, amüsante Worte in den Mund. Tarantino’esques Gebrabbel, etwa wenn Rooster und Turk über eine Zeichentrickserie philosophieren, deren Held nur dank der „Underdog Super Energy Vitamin Pill“ Superkräfte erlangt; ein klares Zeichen für Drogenmissbrauch und eine Gefahr für die Kinder. Insgesamt erhalten die Schauspielschwergewichte kaum nennenswerten Stoff, um etwas Unvergessliches darzubieten.

Wundert man sich, was die beiden hier zu suchen haben? Da darf der geneigte Filmfan Robert De Niros Aussage „The talent is in the choices“ durchaus einmal kritisch hinterfragen. Und auch die immer wieder bemühte Leidenschaft Pacinos für seinen Beruf. Die Zeiten, in denen die Zwei selbst einen mageren Stoff stets erhöhten und interessante, nuancierte Protagonisten boten, sind vorbei. Stattdessen bewegen sie sich auf einem spannungsarmen Grat der Selbstreferenz, links und rechts haarscharf an der Grenze zur Parodie oder Apathie. De Niro zitiert „Der Pate III“, zitiert „Goodfellas“, verzieht den Mund, hebt die Augenbrauen, hegt und pflegt lang bekannte darstellerische Manierismen, redet und bewegt sich wie ein Klon aus all seinen bisherigen Mafia- und Cop-Rollen. Pacino dagegen gönnt sich nicht einmal einen seiner „Hoo-ah!“-Momente und übt sich in Zurückhaltung. Sein Rooster witzelt sich zynisch und grinsend durch die 100 Minuten. Was ist nun besser? So hundertprozentig weder noch.

Im Film werden beide mit „Lennon und McCartney“ verglichen und tatsächlich kann man diesen Eindruck des Duos gewinnen. Mag mit der tatsächlichen Freundschaft von Pacino und De Niro zu tun haben. Die Vorstellung, dass die polizeiliche Kameradschaft eine Spiegelung der Realität ist, macht Spaß. Der Rest nicht. „Kurzer Prozess – Righteous Kill“ ist nur was für hartgesottene Pacino/De Niro-Fans.


28.12.08 17:05


„Wild Child – Erstklassig zickig“ Sprung ins kalte Wasser

 

Sprung ins kalte Wasser

von Claudia Bosch

 

Großbritannien/USA 2008.

Regie: Nick Moore. Buch: Lucy Dahl. Kamera: Chris Seager. Musik: Micheal Price. Produktion: Tim Bevan, Eric Fellner, Alexandra Ferguson, Diana Phillips.

Darsteller: Emma Roberts (Poppy), Kimberly Nixon (Kate), Juno Temple (Drippy), Lexi Ainsworth (Molly), Shelby Young (Ruby), Alex Pettyfer (Freddie), Aidan Quinn (Gerry), Natasha Richardson (Mrs. Kingsley), Georgia King (Harriet).

Verleih: Universal Pictures.

Länge: 98 Min.

Start:18.12.2008.

 

IMDb-Link



Ein metertiefer Sprung hinab in die Fluten des Pazifiks sorgt dafür, dass die 16-jährige Poppy (Julia Roberts Nichte Emma) fortan nur noch von ihrem luxuriösen Dasein im sonnigen Kalifornien träumen kann. Ihr Vater hat nämlich genug von den Kapriolen des aufmüpfigen Töchterchens und verdonnert sie zu einem Zwangsaufenthalt in einem britischen Eliteinternat, wo ihrem ausschweifenden High-Society-Lotterleben, bestehend aus Poolparties, Shopping-Touren, Kosmetiksitzungen und allerlei pubertären Schnapsideen, Einhalt geboten werden soll.

 

Die Handlung der laut Werbung „romantischen Teenagerkomödie“ ist schnell zusammengefasst: Reiche Göre muss zur Strafe in ein Mädcheninternat, wo sie nach anfänglicher Rebellion gegen alles und jeden Freundschaften knüpft, sich verliebt und sich zu einer bodenständigen jungen Dame mausert. Um die Geschichte nicht ganz so einfallslos aussehen zu lassen, baute Drehbuchautorin Lucy Dahl zwar noch die ein oder andere Wendung ein, zum Beispiel eine Intrige gegen Poppy, allerdings wird ihr Script dadurch auch nicht besser. Man traut sich kaum zu erwähnen, dass es die Tochter des berühmten Schriftstellers Roald Dahl (u.a. „James und der Riesenpfirsich“ und  „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ) ist, die für eine derart dürftige Drehbuchleistung verantwortlich zeichnet.

 

Die ganze Zeit über hat man das Gefühl, den schlechten Abklatsch von bereits vielfach zuvor Gesehenem vorgesetzt zu bekommen. Kaum trifft die schrecklich zickige Poppy in ihrem neuen „Zuhause“ ein, läuft sie auch schon ihrer zukünftigen Erzfeindin, der hochnäsig auftretenden Harriet, über den Weg, die nicht nur den Posten der Schulsprecherin innehat, sondern auch sonst überall die Nase vorn haben will – um der Familienehre willen, da Mitglieder ihrer Sippe seit Jahrzehnten zu den besten Schülern dieser Anstalt zählen. Durch etwas anderes als Leistung kann Harriet auch kaum bestechen, weil sie leider wirkt wie eine grobmotorische Halbriesin. Deshalb erstaunt es nicht weiter, dass sie beim einzigen männlichen Wesen weit und breit – dem märchenprinzartig aussehenden Sohn der Direktorin – nicht den Hauch einer Chance hat. Erst recht nicht, als Poppy auf dieses umschwärmte Objekt aller Mädchenfantasien aufmerksam wird.

Eigentlich müssten die  Schülerinnen beim Anblick des Schnuckelchens Freddie reihenweise in Ohnmacht fallen, so zuckersüß, wie er inszeniert wird – und dann hat er ja auch noch ein Cabrio! Seufz, kreisch…. Doch wie es der Zufall so will, darf nur Eine, nämlich die mit dem bescheuertsten Namen – ja, richtig geraten: Poppy – im edlen Gefährt des ritterlichen Sprosses Platz nehmen. Zickenterror scheint da nur die logische Konsequenz zu sein. Harriet kann diese Schmach keinesfalls auf sich sitzen lassen und geht zum Gegenangriff über, der sich unter anderem im Rahmen eines Sportturniers entlädt. Eigentlich hätte die Zauberersportart Quidditch am besten gepasst, da angesichts des Verhaltens der kleinen Hexen nur noch die Besen fehlen. Doch man entschied sich für die Ballsportart Lacrosse, bei der man versucht, einen Ball mit Hilfe von Netzschlägern ins gegnerische Tor zu befördern, was den Damen die wunderbare Gelegenheit bietet, ihre Aggressionen auszutoben.

 

Poppy hat mittlerweile trotz ihrer Renitenz Anschluss gefunden, da sie sich durch ihr Vorhaben – möglichst viel Mist zu bauen, um schnellstens von der Schule zu fliegen – nach und nach mit ihren Zimmerkameradinnen angefreundet hat. Daher hat sie es mit dem Rauswurf nun gar nicht mehr so eilig. Außerdem verändert sie nicht nur ihren Typ (von blond zu braun), sondern entdeckt auch die weniger ausgeflippten Seiten ihres Gemüts.

 

Wenn man sich die Internatsbewohner so ansieht, kann man sich dem Eindruck, dass hier fast  jeder einen an der Waffel hat, dennoch nur schwer entziehen. Vor allem die Lehrer werden als absolute Vollidioten präsentiert, die schon bei nichtigen Schülerstreichen in Tränen ausbrechen.  Nur die Leiterin der Anstalt, Mrs. Kingsley, verkörpert von Natasha Richardson, wirkt erstaunlich normal, weswegen sie auch sofort positiv aus dem insgesamt doch eher armseligen Darstellerkader heraussticht. Den jungen Schauspielerinnen wird durch die schlechte Führung seitens der Regie jegliche Chance auf eine adäquate Leistung verwehrt, denn statt auf  Natürlichkeit zu setzten, legt Regisseur Nick Moore den Fokus auf überzogene Mimik und Gestik, so dass man das künstliche Gehabe der Mädchen schon nach kurzem kaum noch erträgt. Nick Moore hätte besser daran getan, weiter als Cutter zu arbeiten. Immerhin schnitt er Filme wie „Notting Hill“, „About a Boy“ und „Tatsächlich…Liebe“, für die er sich – im Gegensatz zu diesem jämmerlichen Machwerk – keineswegs schämen muss. Was den überaus erfolgreichen Produzenten Tim Bevan („Abbitte“, „Burn After Reading“, u.v.m.) dazu bewegt hat, einen Schund wie „Wild Child – Erstklassig zickig“ zu produzieren, bleibt ebenfalls ein Rätsel.

 

Auch stört, dass der ganze Film mit aktuellen Popsongs vollgestopft ist, die teilweise nur wenige Sekunden zu hören sind und ganz offensichtlich nur deshalb zum Einsatz kamen, damit man sie auf die begleitende Soundtrack-CD packen kann. Zwar wird das die jugendliche Zielgruppe freuen, es bleibt aber dennoch abzuwarten, ob sie den Film annehmen wird, da sie wegen des vielfältigen, oftmals qualitativ hochwertigeren Angebots an Kinder- und Jugendfilmen durchaus differenzieren kann, ob das, was man ihr vorsetzt, etwas taugt oder nicht.

 

Im Abspann wird erneut gezeigt, wie Poppy von einer Terrasse aus in den Atlantik springt; und wenn man es sich recht überlegt, dann fühlt sich auch das Publikum – insbesondere ein erwachsenes – nach Rezeption dieser Komödie ein wenig wie nach einem Sprung ins kalte Wasser: Wenn man Zeit gehabt hätte darüber nachzudenken, hätte man sich die Sache wohl  lieber gespart. Bei einem Sprung ins kalte Nass erlebt man nach dem Auftauchen immerhin kurzzeitig ein Gefühl der Erfrischung, doch wohltuende Komponenten sucht man in „Wild Child – Erstklassig zickig“ leider vergeblich.

 


19.12.08 13:22


Gier und Begierde

--- Outtake aus unserer Hof-Berichterstattung 2008 ---

 

„Jerichow“

 

von Harald Mühlbeyer

 

D 2008, Regie: Christian Petzold; Buch: Christian Petzold; Kamera: Hans Fromm; Musik: Stefan Will; Produktion: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber.

Darsteller: Benno Fürmann (Thomas), Nina Hoss (Laura), Hilmi Sözer (Ali Özkan).

Verleih: Piffl

Laufzeit: 93 Minuten

Kinostart Dtl.: 08.01.2009

 

IMDb-Link

 

Nina Hoss spielt in Christian Petzolds „Jerichow“ eine der drei Hauptrollen. Ihre Laura ist gefangen im Goldenen Käfig der Ehe mit Ali (Hilmi Sözer) – per Ehevertrag an ihn gebunden, an ihn, der all ihre Schulden übernommen hat. Sie will raus, egal wohin. Genauso wie Thomas (Benno Fürmann), der mittellos im halb verfallenen Haus seiner verstorbenen Mutter haust. Ihn holt Ali quasi direkt von der Saisonarbeit auf dem Gurkenflieger ab – als Fahrer, dann als Assistent und Stellvertreter in seiner Verwaltung und Belieferung diverser Imbissbuden in der ganzen Gegend.

 

Eine Gegend irgendwo im Osten der Republik, die flach ist, wo sich der Blick weit am Horizont verlieren kann – eine Gegend, die den Protagonisten keine Heimat bietet, ein Land, wo keiner verwurzelt sein kann: Ali aus der Türkei nicht, obwohl er es als Imbissbudenboss zu was gebracht hat, Thomas nicht, der in Afghanistan gekämpft hat und unehrenhaft entlassen wurde, Laura nicht, die finanziell gebunden ist ohne Hoffnung auf Besserung.

Christian Petzold seziert wie ein Chirurg die Beziehungen seiner Protagonisten zueinander, baut ein Gebilde von Annäherung und Abstoßung zusammen, fragil wie ein Mobile und explosiv wie Nitroglyzerin – die kleinste Erschütterung ist höchst gefährlich. Und er führt fort, was er in „Yella“ schon begonnen hat: die präzise Beschreibung und Analyse der Verbindung von Geld und Sex. Deren Verhältnis zueinander geradewegs in die Fatalität führen.

 

„Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat“, bringt es Laura mal auf den Punkt; doch kann man sich lieben, wenn man Geld hat? Ali hat sich Laura gekauft; die hängt sich an Thomas, verbunden durch den Trieb zueinander, durch den Trieb weg von ihrem bisherigen Leben. Küsst ihn in der Kühlkammer, um dann, im nächsten Moment, für Ali wieder geschäftsmäßig mit der Inventur fortzufahren. Als Ali, der stets so misstrauisch ist, dass er ihr nachspioniert, sobald sie einmal nicht mit dem Handy erreichbar ist, sie tatsächlich erwischt mit einem Getränkegroßhändler – da ist die Versöhnung erst möglich, als sie ihm schwört, dass es gar kein sexueller, sondern nur ein finanzieller Betrug war.

 

Liebe und Geld, Triebe und Gier, das sind die motivischen Pole nicht nur in „Jerichow“, sondern auch im Film noir. Und Petzold ist klug genug, in seine distanzierte Inszenierungsweise, die oft fast kalt und gefühllos erscheint, kleine Elemente des Noir einzubauen, als Referenzen an das Genrekino ebenso wie als kleine ironische Seitenblicke – denn wirkliche Dramaturgie baut er nur auf, indem er Laura als klassische femme fatale charakterisiert, und indem er einem auffälligen Feuerzeug eine tragende Rolle zuweist… Darin steckt ein untergründiger Witz, ein auch selbstironisches und selbstreflexives Augenzwinkern: weil dies ein Film ist, muss die Handlung weitergetrieben werden – dafür benützt Petzold die Genreversatzstücke –, auch wenn eigentlich die Figuren ganz ziellos dahindriften und sich ihren Trieben ergeben.


19.12.08 13:13


Der Baader Meinhof Komplex. Das Buch zum Film

Buch zum Film zum Sachbuch zur Terrorgruppe

von Bernd Zywietz

 

Katja Eichinger: „Der Baader Meinhof Komplex. Das Buch zum Film“. Hamburg: Hoffmann und Campe, 224 Seiten, € 14,95

ISBN 978-3455500967

Ja, wieder der Terz – was Bernd Eichingers und Uli Edels Film „Der Baader Meinhof Komplex“ für Haue bekam, erhält auch gleich das Buch mit. Ist ja schließlich von Katja Eichinger, der Frau des Produzenten und Drehbuchautoren. Da kann man natürlich prächtig seine Späße drauf machen. Überhaupt witzeln. „Das Buch zum Film zum Sachbuch“. Eine Wonne, ein Ulk.

Schon sitzt man wieder da und muss das Buch zum Film verteidigen wie zuvor schon den Film selbst, obwohl man es gar nicht will (und beide es nicht wirklich brauchen oder verdienen). Nur: Diese fast reflexartige Pauschal- und Vorweghäme ist so öde und ermüdend, dass man sich unversehens dem „Baader Meinhof Komplex“-Film und -Buchzumfilm fünfzig Milliarden mehr begeisterte Zuschauer und Leser und Käufer und Eintrittbezahler und DVD-Ersteher wünscht und obendrein den Oscar hier und den Pulitzerpreis da, damit das Rumgezicke derer, die doch so viel besser wissen, wie „es“ gewesen ist, keine Luft mehr bekommen vor lauter Kammerflimmern.

Natürlich ist auch das Buch nicht wirklich die Wucht, um es mal so zu sagen. Teilweise putzig plaudert Frau Eichinger vor sich hin. Wobei ihr zugute zu halten ist, dass sie sich und ihr subjektive Position nicht zu kaschieren sucht. Von der Idee, der Produktion und Drehbucharbeit über die Dreharbeiten geht der Bericht, unterbrochen von Statements von – natürlich – Aust, Eichinger, Edel sowie Künstlern hinter und vor der Kamera.

In der zweiten Hälfte wiederum beinhaltet das Buch zum Film zur Terrortruppe Eichingers Drehbuch, was für die Auseinandersetzung mit dem Film und „seiner“ Geschichte durchaus eine nützliche Sache ist. Allein schon, weil zu (ob erfolgreichen oder deutschen) Filmen hierzulande nach wie vor noch zu wenig an Drehbuchmaterial publiziert wird.

Man kann sicherlich streiten, über Sinn, Nutzen und Tiefe von Informationen, wie die Schwierigkeit, die das Auffinden welcher Originalsonnenbrillen der Zeit bereiten oder dass Eichinger Martina Gedeck in einem Münchner Restaurant für die Rolle der Meinhof angesprochen hat. Einer Gedeck, die dann Sätze zu lesen gibt wie:

„Es gibt viele Fragezeichen, was die Person Ulrike Meinhoff betrifft. Auch ihre Zeitgenossen sehen sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln.“ Ja, hm, sowas.

Vieles verwirbelt so allzu schnell zu einem Gefühl von Boulevard-Ernsthaftigkeit, irgendwo zwischen Luftleere und Banalität, Besinnlichkeit und Besinnungslosigkeit – oder schlicht leicht zu Wissendem (so wenn die Darsteller über ihre Figuren sprechen). Das alles versaubeutelt das Buch aber nicht. Denn das ganze Angestrengte verleiht dem Buch auch das Gefühl, dass sich diverse Macher des fertigen Films – ob vor oder hinter der Kamera – sich doch schon ihre Mühe mit ihrem Stoff gemacht haben. Ob sie dabei sympathisch sind, ob die sowas dürfen, das ist eine andere Frage. Natürlich wird wie immer die Biographiekarte aus dem Hut gezaubert. Eichinger und Edel im München jener Zeit. Auch so ein Spaß. Und ebenfalls klar ist: Einem Herr Kraushaar beim Sichgedankenmachen zur RAF „zuzuschauen“ ist zig Mal gewinnbringender als dem ganzen suspekten Künstlerpack hier zusammen. Den hübschen Drehbericht-Infos zum Trotz.

Doch es wäre schon viel gewonnen, zuzugestehen, dass beide in unterschiedlichen Klassen spielen – und dieses Guido-Knopp-Promo-Begleitwerk hat dieselbe Güte und Berechtigung in der medialen Auswertung eines ohnehin schon zu Tode publizierten Lieblingsaufregers wie ein „Was ist Was“-Buch, über das man sich schließlich auch nicht beugt und mault, Einsteins Relativitätstheorie sei darin schon ziemlich lumpig behandelt.

Also nur ein belangloses aber ehrbares Werk für Kinder und Jugendliche und bildungsferne Filmfreunde?

Ha, so einfach auch nicht. Wahrlich spannend wird „Das Buch zum Film“ nämlich, wenn klar wird, wie viel letztlich doch nicht an Originalschauplätzen gedreht wurde. Oder wenn Kameramann Rainer Klausmann berichtet, wie er sein Authentizitätsideal wie ein Fußballtaktiker hochhält: Von der Optik nach vorne denken, nicht nach hinten. „Ich nehme die Kamera einfach auf die Schulter und folge dem Schauspieler. Wenn der Schauspieler gut ist, dann ist ab und zu mal eine Unschärfe auch in Ordnung.“ Wobei dieser lobenswerte Gedanke von Freiheit, Inspiration und Kreativität schon von der folgenden Bildunterschrift zumindest relativiert wird, die berichtet, wie in Stammheim mit drei Kameras gleichzeitig gedreht wurden; in manchen Szenen gar mit fünf.

Das Buch macht darüber hinaus quasi amtlich, was ja so richtig mies ist: Nämlich dass sich Eichinger und Edel einen feuchten Kehricht um die deutsche filmische „Aufarbeitung“ der RAF kümmerten. Verweise auf Schlöndorff, Hauff und Co. kann man suchen. Stattdessen erfährt man, dass im Zuge der Drehbucharbeit immer wieder Filme wie „Black Hawk Down“, „French Connection“, „Syriana“, „Children of Men“ und „City of God“ diskutiert wurden. Für Edel ist der „BMK“ der Abschlussteil über das Thema Gewalt – nach „Christiane F.“ und „Letzte Ausfahrt Brooklyn“, und gedacht hat er dabei nicht an die deutschen 68er in den Feuilletons, sondern an seine Söhne Anfang zwanzig, die „in Amerika als schwarze Mischlinge aufgewachsen“ sind.

Dagegen müssen sich all diejenigen, die auf hohen Niveau wissen, warum es den filmischen „Baader Meinhof Komplex“ nicht brauchen, erst noch was einfallen lassen. Zumindest jene, wenn der Film aus dem Ausland gekommen wäre und die „Weatherman“ oder die Japanische Rote Armee zum Gegenstand gehabt hätten.

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18.12.08 16:28


Transsiberian

Traue keinem Fremden

von Claudia Bosch


Großbritannien/Deutschland/Spanien/Litauen 2008.
Regie: Brad Anderson.
Buch: Brad Anderson, Will Conroy.
Kamera: Xavi Giménez.
Musik: Alfonso Vilallonga.
Produktion: Julio Fernández, Álvaro Augustín, Todd Dagres, Tania Reichert-Facilides.
Darsteller: Emily Mortimer (Jessie), Woody Harrelson (Roy), Eduardo Noriega (Carlos), Kate Mara (Abby), Ben Kingsley (Ilya), Thomas Kretschmann (Kolzak).
Verleih: Universum.
Länge: 111 Min.
Start: 11.12.2008.


„Traue keinem Fremden!“ ist ein Ratschlag, den Eltern ihren Kindern von klein auf einbläuen. Doch wieso fällt es Erwachsenen selbst so schwer diesen Hinweis zu beherzigen oder ihn zumindest im Hinterkopf zu behalten? Und spätestens seit Hitchcocks Thrillern „Eine Dame verschwindet“ (1938) und „Der Fremde im Zug“ (1951) weiß man, dass man besonders gegenüber Zugpassagieren Vorsicht walten lassen sollte.

Dieser Gedanke scheint für Roy und seine Ehefrau Jessie jedoch in weite Ferne gerückt zu sein, was wohl auch ihrer Urlaubsstimmung anzulasten ist, denn sie reisen mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau. Roy hatte die Idee zu diesem Abenteuer, um seiner Frau endlich wieder näher zu kommen. Durch Andeutungen erfährt man, dass Jessie eine wilde Vergangenheit, inklusive Alkoholproblem, hinter sich hat, und sich im Gegensatz zu ihrem bodenständigen Gatten noch keinerlei Gedanken über Nachwuchs macht, da sie schon genug Schwierigkeiten mit ihrem eingefahrenen Alltag hat. Die gemeinsame Fahrt soll also nicht nur der Annäherung, sondern auch der Abwechslung dienen – und zumindest für letzteres wird, buchstäblich bis zur Schmerzgrenze, gesorgt.

Die Komplikationen beginnen, als sich das zwielichtige Pärchen Carlos und Abby im Abteil der Eheleute einquartiert. Sofort liegt eine seltsame Spannung in der Luft, von der Roy jedoch nichts zu bemerken scheint und mit einer fast schon ans Naive grenzenden Aufgeschlossenheit gemeinsame Unternehmungen initiiert. Jessie registriert zwar die düstere Aura der wortkargen Abby, kann sich den beiden Mitreisenden aber nicht entziehen, weil sie viel zu fasziniert von dem spanischen Bad Boy Carlos ist, der ihr völlig ungeniert Avancen macht.

Ein unangenehmer Vorfall – Roy kehrt nach einem Ausflug nicht rechtzeitig in den Zug zurück – versetzt Jessie in Angst und Schrecken. Sie hat das Gefühl in einen Albtraum geraten zu sein, was definitiv mit: „Nein. Noch nicht…“ beantwortet werden kann, denn Roy taucht schnell wieder auf, allerdings sieht sich das amerikanische Ehepaar plötzlich in ein Gewirr aus Mord und Drogenschmuggel verstrickt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint – erst recht nicht, als sich ihre neue Reisebekanntschaft als russischer Drogenfahnder (Ben Kingsley) entpuppt. Nun müssen sie sich zwangsläufig mit der Frage befassen, wem sie Vertrauen entgegenbringen und wem besser nicht…

Nachdem sich der Zug als Filmschauplatz in den vergangenen Jahren keiner sonderlich großen Beliebtheit erfreute, greifen Regisseure jetzt offensichtlich wieder öfter darauf zurück z.B. Wes Anderson in „Darjeeling Limited“. Oder haben einfach nur Regisseure mit dem Namen „Anderson“ ein besonderes Faible dafür, denn auch Filmemacher Brad Anderson verlegt seine Thrillerhandlung in ein Schienengefährt und zwar in kein geringeres als den Transsibirien-Express, der aufgrund seiner Fahrtroute durch die fremdartige, geheimnisvolle und oftmals verschneite Weite Osteuropas ideal zu diesem Drama passt. Natürlich steigert auch die Enge des Raumes das Gefühl der Beklommenheit – visualisiert durch viele Nahaufnahmen.

Während in der ersten Hälfte des Films ein gemächlicher Rhythmus dominiert, in der die Figuren im Zentrum der Betrachtung stehen, zieht Anderson das Tempo später an, so dass im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlag auf den anderen folgt. Hier passt dann auch der Einsatz der Handkamera, deren Wackelbilder im ruhigen ersten Teil als störend empfunden werden.
Woody Harrelson muss sich mit dem unscheinbarsten Part des Films begnügen. Selbst nach Einsetzen des Katz-und-Maus-Spiels werden ihm wenige Reaktionsmöglichkeiten gewährt, so dass Roy nicht über die Funktion eines treudoofen Anhängsels hinauskommt. Eine weit interessantere Figur ist dagegen Roys Ehefrau Jessie (Emily Mortimer), die sich durch eine Reihe falscher Entscheidungen immer tiefer ins Unglück manövriert und dem damit einhergehenden psychischen Druck kaum noch standhält. Dadurch ergibt sich reichlich Spannungspotential, vor allem in Szenen, in denen sie mit dem listigen Ermittler Ilya Grinko (Ben Kingsley) konfrontiert wird.
Irritation ruft eine brutale Folterszene hervor, die zwar eine narrative Funktion erfüllt, aber definitiv dezenter inszeniert werden hätte können.
Anderson verzichtet zugunsten einer klassischen Dramaturgie auf Erzählexperimente, so dass es sich bei „Transsiberian“ um einen soliden, wenn auch oftmals absehbaren Thriller handelt.


17.12.08 18:07


Tintenherz / Inkheart

Words don't come easy

von Alexander Gajic


USA/UK/D 2008. R: Iain Softley. B: David Lindsay-Abaire (nach dem Roman von Cornelia Funke). P: Iain Softley, Diany Pokorny, Cornelia Funke, Toby Emmerich, Mark Ordesky. K: Roger Pratt. M: Javier Navarete.

Länge: 106 Minuten
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 11.12.2008



Es gibt großartige, spannende und lustige Filme über die Faszinationen, Gesetze und Gefahren des Films, The Player zum Beispiel, oder Peeping Tom oder sogar Last Action Hero. Das gleiche gilt für Bücher über Bücher, über die Macht und Anziehungskraft des geschriebenen Wortes, Die unendliche Geschichte oder Das Foucaultsche Pendel oder meinetwegen auch Tintenherz, Cornelia Funkes internationaler Bestseller, der aus der deutschen Kinderbuchautorin plötzlich einen weltweiten Literatur-Star machte. Wirft man beides zusammen, entsteht allerdings ein merkwürdiger Hybrid, in dem man das Gefühl nicht loswird: Dass ein Medium, das sich fundamental über Bilder definiert, sich anmaßt, über ein anderes zu urteilen, dessen ganze Kraft in den Worten und der daraus evozierten Fantasie liegt.

Will man ganz ehrlich sein, kann das Ergebnis irgendwie nur schiefgehen. Nicht dass man aus tollen Worten keine tollen Bilder machen kann, schließlich sind Romanvorlagen noch immer der größte Stoffvorrat, aus dem das Kino seine Traumwelten zieht. Aber Bilder über Worte, das gelingt nur in den seltensten Fällen. Auch in der Verfilmung von Funkes Roman haben es die Bilder des britischen Regisseurs Iain Softley schwer, den Worten, die sie versuchen zu beschreiben, gerecht zu werden. Von Funkes Geschichte über einen Liebhaber alter Bücher, der die magische Gabe der „Silberzunge“ besitzt, Vorgelesenes in Wirklichkeit zu verwandeln, bleibt in vielerlei Hinsicht nur ein Abglanz jener spielerischen Intertextualität zurück, mit der sich Tintenherz schmückt. Erschwerend kommt hinzu, dass die innere Logik der Geschichte, die schon in der Romanvorlage deutlich strapaziert wurde, im Film noch mehr an Glaubwürdigkeit verliert, und das nicht nur durch die absolut notwendigen Kürzungen und Straffungen, die immer passieren, wenn man aus einem Buch von mehreren hundert Seiten einen Neunzigminüter zimmern will.

Neun Jahre ist es her, dass Mortimer „Mo“ Folchart seiner Frau Resa aus dem Buch „Tintenherz“ vorgelesen hatte. Damals standen plötzlich einige Figuren aus dem Buch im Zimmer, vornehmlich der Feuergaukler Staubfinger und der Superschurke Capricorn, dafür verschwand Resa in der Welt von „Tintenherz“. Seitdem zieht Mo mit seiner inzwischen 13-jährigen Tochter Meggie durch die Lande und sucht ein weiteres Exemplar des Buchs, das damals zerstört wurde. Staubfinger ist ihm immer auf den Fersen, während sich Capricorn in einem Bergdorf in Italien ein kleines Schurkenimperium aufgebaut hat. Mit der Hilfe einer minderbegabten Silberzunge hat er sich eine Schar von Handlangern und ein kleines Bestiarum an Fabelwesen herbeilesen lassen, die allerdings aufgrund der mangelnden Fähigkeit des Vorlesers allesamt leicht verstümmelt in dieser Welt angekommen sind. Im Verlauf des Films kreuzen sich die Pfade aller Figuren ein weiteres Mal und natürlich versucht jeder, sein eigenes Ziel zu erreichen: Mo hätte gerne seine Frau wieder, Staubfinger will in seine Welt zurückkehren und Capricorn sucht eine geeignete Silberzunge, um seinen alten Kumpanen, den „Schatten“, zu beschwören und mit ihm sein Terrorregime auszuweiten.

Die Story von Tintenherz ist alles andere als „High Fantasy“, eher eine Abenteuergeschichte mit fantastischen Elementen, und so ist es angenehm zu sehen, dass der Film im Gegensatz zu seinen Vorgängern der letzten Jahre wie The Golden Compass auf überflüssige CGI-Schlachten verzichtet. In Bildgestaltung, visuellen Ideen und Figurenzeichnung umgibt ihn ein wohliger Hauch von Achtziger-Jahre-Fantasy im Stil der drei großen Ls Labyrinth, Legend und Ladyhawke. Weiterhin auf der Plus-Seite zu verzeichnen ist das gut ausgesuchte Ensemble, allen voran Brendan Fraser als Mo, der wieder einmal beweist, dass er mehr kann als Mumien in Sequels zu jagen. Aber auch alle Nebenrollen warten mit tollen Besetzungen auf: Paul Bettany als Staubfinger, Helen Mirren als kauzige Misanthropin Elinor, Jim Broadbent als „Tintenherz“-Autor Fenoglio und besonders der fantastische Andy Serkis (hier mal „in echt" ) als Bösewicht Capricorn, von dem sich so mancher Bondschurke der letzten Jahre eine dicke Scheibe abschneiden könnte.

Doch so sehr einen solche Streiche dazu verlocken mögen, den Film zu schätzen, so sehr reißen einen die kleinen und großen Unzulänglichkeiten doch immer wieder heraus aus der Welt von Tintenherz. Charaktermotivationen bleiben in Dunkeln oder verändern sich im Minutentakt, Plotpunkte kommen aus dem Nichts und hängen anschließend unentschlossen in der Luft herum. Und schließlich die schon erwähnte Logik, die – auch wenn mancher das anders sehen mag – auch in einer fantastischen Geschichte die Welt zusammenhalten sollte, und das hier definitiv nicht tut. Wenn beim Vorlesen ein „Austausch“ stattfindet, verändert sich dann auch das gedruckte Buch? Wenn man nicht kontrollieren kann, was genau aus dem Buch zum Leben erwacht, warum kann man dann Charaktere „zurücklesen“? Verlieren sie daraufhin ihre Erinnerungen oder können sie fortan die Geschichte des Buchs verändern? Wenn es nur ausreicht, dass Worte irgendwo aufgeschrieben sind, damit man sie silberzungig vorlesen kann, wozu braucht man dann überhaupt (Original-)Bücher und Autoren? Fragen über Fragen, die der Film nicht mal im Ansatz versucht zu beantworten und mit einem wie angeklebt wirkenden Happy End sogar noch weiter unnötig verkompliziert.

Innerhalb der sich langsam häufenden Fantasyschlachten der letzten Jahre sticht Tintenherz visuell einfallsreich durchaus hervor. Insgesamt jedoch bleibt das Problem der Filme über Bücher bestehen: Bilder funktionieren anders als Worte. Kein Wunder, dass der Film alle „herausgelesenen“ Repräsentationen aus Büchern wählt, die wie The Wizard of Oz auch erfolgreich verfilmt worden sind, und somit aus einer schon bestehenden Ikonografie schöpfen können. Damit verwässert er aber gleichzeitig sein eigenes Konzept und so bleibt am Ende nicht viel mehr übrig als ein notdürftig mit Kaugummi zusammengehaltener Weihnachts-Familienfilm ohne viel Biss, der im großen Teich der kinematischen Phantasmagorien etwas selbstgefällig vor sich hin dümpelt.
6.12.08 22:11


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