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Von enttäuschten und übertroffenen Erwartungen

Eleni Karaindrous (film)musikalisches Werk, seine Verbreitung durch ECM und ihr Konzert in der Alten Oper in Frankfurt 

 

Worin liegt der Unterschied zwischen der Anwesenheit bei einem Live-Konzert und der Rezeption der gleichen Musik von CD in den eigenen vier Wänden? Live dabei – das heißt das Erlebnis mit anderen teilen, die Atmosphäre einatmen, Teil des Ganzen sein und vor allem das besondere Plus an Charme, das jede gute Musik bei so einem Event spätestens durch die direkte Präsenz der sonst nur medial erfahrbaren Künstler bekommt.

Am 18. September 2008 hatte die Alte Oper in Frankfurt ihren Gästen eine besondere Künstlerin zu bieten: Eleni Karaindrou, die vor allem wegen ihren atemberaubenden Kompositionen für die Filme von Theodoros Angelopoulos bekannt ist, trat mit dem Camerata Orchestra Athen auf. Auf der Bühne agierte die unauffällige, ruhige Frau mit sanften Bewegungen, beinahe versucht, niemanden im Weg zu sein – und dabei waren alle nur ihretwegen da.

 

Die griechische Komponistin Eleni Karaindrou arbeitet seit 1982 mit Theodoros Angelopoulos zusammen. In den vorher produzierten Filmen des griechischen Regisseurs wurde keine non-diegetische Musik verwendet. Hätte Angelopoulos nicht Karaindrou getroffen, wäre dies wahrscheinlich noch heute so. Doch der Zufall brachte beide zusammen und mit „Triologia II: I skoni tou hronou“ („The Dust of Time“ ) soll am 22. November 2008 auf dem 49. Internationalen Filmfestival in Thessaloniki die achte Zusammenarbeit der beiden an den Start gehen.

 

Doch vorher gab es eine Veranstaltung, die Karaindrou und ihre Musik losgelöst von Angelopoulos und seinen Filmen würdigte. Mit „Spuren 1. Musik und Film“ fand vom 17.-19. September 2008 das „ECM Festival Frankfurt“ statt. Gewürdigt wurden neben Eleni Karaindrou die beiden Komponisten Stefano Battaglia für seine Musik zum Werk von Pier Paolo Pasolini „Re: Pasolini“ und François Couturier, der sich von Andrei Tarkovskys Filmen zu „Nostalghia – Song for Tarkovsky“ inspirieren ließ.

 

Karaindrous Konzert war eigentlich ein Ereignis, bei dem keinerlei Erwartungen enttäuscht werden konnten. Mehrere fehlerhafte Ankündigungen im Programmheft der Alten Oper stellten jedoch die gute Laune der Besucher noch vor Konzertbeginn auf eine harte Probe. „Konzerteinführung mit Theo Angelopoulos, Eleni Karaindrou u.a. um 19.00 Uhr im Grossen Saal“, hieß es in der Ankündigung für August/September 2008, die sogar noch am Tage des Konzertes im Foyer auslag. Wie enttäuschend war es dann, ohne einen Kommentar der Veranstalter bei der Konzerteinführung das Fehlen des griechischen Regisseurs zu bemerken! Angelopoulos oder nicht Angelopoulos. Dies war für die Veranstalter leider keine Frage – auf jeden Fall keine, die sie mit ihrem Publikum klären wollten. Blieb natürlich noch die Einführung mit Karaindrou, die auf jeden Fall mehr als ein würdiges Trostpflaster war... oder besser gesagt: gewesen wäre. Denn auch sie betrat die Bühne nicht wie angekündigt eine Stunde vor dem Konzert, sondern erst zu diesem selbst. Dass Karaindrou generell lieber vor einem Konzert Ruhe hat und sich nicht gerne der Belastung durch ein öffentliches Gespräch aussetzt, ist nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist hingegen, warum die Veranstalter dennoch mit einem Konzerteinführung mit ihr warben. Blieb also nur noch von der Ankündigung „u.a.“ übrig. Doch wer waren diese „u.a.“? Zwei Männer betraten den Raum und machten es sich so gut wie möglich auf der zu leer scheinenden Bühne bequem. Dann lüftete sich das Geheimnis – zum Teil: Einer der beiden wurde als Manfred Eicher vorgestellt, der Vorstellende und Gesprächsleitende selber blieb allerdings namenlos. In der Pause hörte man die Zuhörer über ihn unter der Bezeichnung „Der Mann, der sich nicht vorgestellt hat“ sprechen. Erst durch spätere Nachfragen bei der Alten Oper und bei ECM konnte die Identität aufgedeckt werden: Wolfgang Sandner, seit 1981 Musikredakteur der F.A.Z., war der Mann, der Manfred Eicher in einem freundschaftlichen Ton befragte, welcher immer wieder (gespielt?) eine zwischen Verachtung und Ehrfurcht schwankende Hass-Liebe zwischen den beiden aufblitzen ließ.

 

Unter anderen Umständen hätte man sich wohl gefreut, zwei solchen Experten beim Gespräch zuhören zu dürfen. Hätte auf der Website der Alten Oper eine Korrektur der Angaben gestanden, ein Hinweis am Eingang auf die Änderungen verwiesen oder auch nur der junge Mann beim Kartenabreisen einem die traurige Nachricht verhalten zugeflüstert, es wäre dem Publikum wohl eher möglich gewesen, seine Enttäuschung über das Verpasste in eine Neugierde auf das Kommende umzuwandeln.  Stattdessen bekam man das Gefühl, als wäre es gar eine Taktik der Alten Oper, „u.a.“ mit anzugeben, um dann im Notfall die bedeutendste Person in Reichweite auf die Bühne zu holen. Frisch aus dem „u.a.-Fundus“ sozusagen.

 

Genug von dem, was hätte sein sollen, hin zu dem, was war. Manfred Eicher! 1969 gründete er das Schallplattenlabel ECM Records. ECM – das steht für Edition of Contemporary Music. Ihr Katalog beeindruckt. Eicher, der privat aus dem Jazz-Bereich kommt, widmet sich immer wieder der musikalischen Gestaltung von Filmen u.a. von Großmeistern wie Jean-Luc Godard und eben Theodoros Angelopoulos. Seine Verdienste bei der Verbreitung des Werkes Eleni Karaindrous können nicht überbewertet werden. Sieben CDs der Komponistin sind von ECM teilweise mit informations- und bildgewaltigen Booklets herausgegeben: Music for Films (1991), The Suspended Step of the Stork (1991), Ulysses’ Gaze (1994), Eternity and a Day (1998), Trojan Women (2001), The Weeping Meadow (2003) und Elegy of the Uprooting (2005). Es sind also nicht nur Karaindrous Filmkompositionen, die sie international bekannt machen.

Mit Trojan Women wird ihre Musik für Antonis Antypas’ Inszenierung der Tragödie des  Euripides bzw. seiner Adaption von K.X. Myris, aus ihrer medienbedingten Flüchtigkeit herausgehoben und für den Zuhörer greifbar gemacht. Auch ihre bislang letzte CD, Elegy of the Uprooting, konzentriert sich nicht nur auf die Musik für Theodoros Angelopoulos’ Filme. Auf Karaindrous erster Konzert-CD, 2005 aufgenommen in der athenischen Konzerthall Megaron, finden sich neben Stücken für Angelopoulos unter anderem Teile ihrer Kompositionen zu Roza (1982) von Hristoforos Hristofis, I Timi tis agapis (1984) von Tonia Marketaki, Happy Homecoming, Comrade (1986) von Lefteris Xanthopoulos. Musik von dieser CD ist es auch, die Karaindrou am 18. September 2008 in Frankfurt präsentierte.

 

Leider ohne Maria Farantouri. Um eine der bekanntesten, wenn nicht die bekannteste Sängerin Griechenlands hören zu können, muss man auf die CD zurückgreifen. In Frankfurt wechselte sich am Flügel Karaindrou mit Natalia Michailidou ab. Obwohl Karaindrou keine ausgebildete Konzertpianistin ist, und vielleicht vor allem, weil man wusste, dass die Schöpferin der Musik selber spielte – ihre Darbietung erreichte eine Intensität, die das Publikum fesselte. Fast jeden, denn ein Herr mit einer Mini DV Kamera im hinteren Drittel des Saales verzichtete auf die Aura des Erlebnisses und schaute lieber durch seinen Kamerasucher. Ein Verhalten, das seine  Mitkonzertbesucher wohl mit einem mitleidigen Kopfschütteln hätten ignorieren können, wenn sie nicht durch ein hell erleuchtetes Display und ein blinkendes rotes Aufnahmelicht bei ihrem Konzertgenuss gestört worden wären. Doch die Höflichkeit gebot schweigendes Erdulden.

 

Vor allem Karaindrous Stücke der Filmmusik zu Eternity and a Day überwältigten mit einer lächelnden Traurigkeit. Für diese erhielt sie das zweite Mal eine filmische Auszeichnung für ihre Kompositionen: 1998 gewann Angelopoulos’ Film bei den Internationalen Filmfestspielen in Thessaloniki sieben Auszeichnungen. Neben bestes Kostümdesign, beste Regie, bester Film, bestes Drehbuch, beste Ausstattung und Nebendarstellerin eben auch beste Musik. Zwölf Jahre zuvor hatte sie den Preis bereits für ihre Originalmusik zu Happy Homecoming, Comrade erhalten.

 

Die Auszeichnung, die das griechische Kammerorchester, der norwegische Jazz-Saxophonist Jan Gabarek, der maßgeblich für die raue Zärtlichkeit und die sehnsuchtsvolle Unausweichlichkeit der Musik zu The Beekeeper verantwortlich ist, und Karaindrou in der Alten Oper in Frankfurt erhielt, war bescheidener, aber dennoch extrem ergreifend. Das Publikum wollte den Star nicht von der Bühne lassen. Selbst nach mehreren Zugaben ebbten weder der Applaus noch die Standing Ovations ab. Karaindrou war sichtlich bewegt, zwischen zufriedener Bescheidenheit und zaghafter Freude hin- und hergerissen. Keiner der Anwesenden auf der Bühne und vor der Bühne wollte den Abend enden lassen.

Nur der Mann mit der Kamera verließ fluchtartig den Saal. Vielleicht hatte er Angst vor der Bestrafung seiner Mitmenschen. Vielleicht wollte er aber auch nur möglichst schnell seinen Beweis für die technische Unreproduzierbarkeit eines Live-Erlebnisses auf Youtube für die ganze Welt zugänglich machen. Dabei sein ist alles?

 

Renate Kochenrath

4.12.08 14:46
 



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