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Tintenherz / Inkheart

Words don't come easy

von Alexander Gajic


USA/UK/D 2008. R: Iain Softley. B: David Lindsay-Abaire (nach dem Roman von Cornelia Funke). P: Iain Softley, Diany Pokorny, Cornelia Funke, Toby Emmerich, Mark Ordesky. K: Roger Pratt. M: Javier Navarete.

Länge: 106 Minuten
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 11.12.2008



Es gibt großartige, spannende und lustige Filme über die Faszinationen, Gesetze und Gefahren des Films, The Player zum Beispiel, oder Peeping Tom oder sogar Last Action Hero. Das gleiche gilt für Bücher über Bücher, über die Macht und Anziehungskraft des geschriebenen Wortes, Die unendliche Geschichte oder Das Foucaultsche Pendel oder meinetwegen auch Tintenherz, Cornelia Funkes internationaler Bestseller, der aus der deutschen Kinderbuchautorin plötzlich einen weltweiten Literatur-Star machte. Wirft man beides zusammen, entsteht allerdings ein merkwürdiger Hybrid, in dem man das Gefühl nicht loswird: Dass ein Medium, das sich fundamental über Bilder definiert, sich anmaßt, über ein anderes zu urteilen, dessen ganze Kraft in den Worten und der daraus evozierten Fantasie liegt.

Will man ganz ehrlich sein, kann das Ergebnis irgendwie nur schiefgehen. Nicht dass man aus tollen Worten keine tollen Bilder machen kann, schließlich sind Romanvorlagen noch immer der größte Stoffvorrat, aus dem das Kino seine Traumwelten zieht. Aber Bilder über Worte, das gelingt nur in den seltensten Fällen. Auch in der Verfilmung von Funkes Roman haben es die Bilder des britischen Regisseurs Iain Softley schwer, den Worten, die sie versuchen zu beschreiben, gerecht zu werden. Von Funkes Geschichte über einen Liebhaber alter Bücher, der die magische Gabe der „Silberzunge“ besitzt, Vorgelesenes in Wirklichkeit zu verwandeln, bleibt in vielerlei Hinsicht nur ein Abglanz jener spielerischen Intertextualität zurück, mit der sich Tintenherz schmückt. Erschwerend kommt hinzu, dass die innere Logik der Geschichte, die schon in der Romanvorlage deutlich strapaziert wurde, im Film noch mehr an Glaubwürdigkeit verliert, und das nicht nur durch die absolut notwendigen Kürzungen und Straffungen, die immer passieren, wenn man aus einem Buch von mehreren hundert Seiten einen Neunzigminüter zimmern will.

Neun Jahre ist es her, dass Mortimer „Mo“ Folchart seiner Frau Resa aus dem Buch „Tintenherz“ vorgelesen hatte. Damals standen plötzlich einige Figuren aus dem Buch im Zimmer, vornehmlich der Feuergaukler Staubfinger und der Superschurke Capricorn, dafür verschwand Resa in der Welt von „Tintenherz“. Seitdem zieht Mo mit seiner inzwischen 13-jährigen Tochter Meggie durch die Lande und sucht ein weiteres Exemplar des Buchs, das damals zerstört wurde. Staubfinger ist ihm immer auf den Fersen, während sich Capricorn in einem Bergdorf in Italien ein kleines Schurkenimperium aufgebaut hat. Mit der Hilfe einer minderbegabten Silberzunge hat er sich eine Schar von Handlangern und ein kleines Bestiarum an Fabelwesen herbeilesen lassen, die allerdings aufgrund der mangelnden Fähigkeit des Vorlesers allesamt leicht verstümmelt in dieser Welt angekommen sind. Im Verlauf des Films kreuzen sich die Pfade aller Figuren ein weiteres Mal und natürlich versucht jeder, sein eigenes Ziel zu erreichen: Mo hätte gerne seine Frau wieder, Staubfinger will in seine Welt zurückkehren und Capricorn sucht eine geeignete Silberzunge, um seinen alten Kumpanen, den „Schatten“, zu beschwören und mit ihm sein Terrorregime auszuweiten.

Die Story von Tintenherz ist alles andere als „High Fantasy“, eher eine Abenteuergeschichte mit fantastischen Elementen, und so ist es angenehm zu sehen, dass der Film im Gegensatz zu seinen Vorgängern der letzten Jahre wie The Golden Compass auf überflüssige CGI-Schlachten verzichtet. In Bildgestaltung, visuellen Ideen und Figurenzeichnung umgibt ihn ein wohliger Hauch von Achtziger-Jahre-Fantasy im Stil der drei großen Ls Labyrinth, Legend und Ladyhawke. Weiterhin auf der Plus-Seite zu verzeichnen ist das gut ausgesuchte Ensemble, allen voran Brendan Fraser als Mo, der wieder einmal beweist, dass er mehr kann als Mumien in Sequels zu jagen. Aber auch alle Nebenrollen warten mit tollen Besetzungen auf: Paul Bettany als Staubfinger, Helen Mirren als kauzige Misanthropin Elinor, Jim Broadbent als „Tintenherz“-Autor Fenoglio und besonders der fantastische Andy Serkis (hier mal „in echt" ) als Bösewicht Capricorn, von dem sich so mancher Bondschurke der letzten Jahre eine dicke Scheibe abschneiden könnte.

Doch so sehr einen solche Streiche dazu verlocken mögen, den Film zu schätzen, so sehr reißen einen die kleinen und großen Unzulänglichkeiten doch immer wieder heraus aus der Welt von Tintenherz. Charaktermotivationen bleiben in Dunkeln oder verändern sich im Minutentakt, Plotpunkte kommen aus dem Nichts und hängen anschließend unentschlossen in der Luft herum. Und schließlich die schon erwähnte Logik, die – auch wenn mancher das anders sehen mag – auch in einer fantastischen Geschichte die Welt zusammenhalten sollte, und das hier definitiv nicht tut. Wenn beim Vorlesen ein „Austausch“ stattfindet, verändert sich dann auch das gedruckte Buch? Wenn man nicht kontrollieren kann, was genau aus dem Buch zum Leben erwacht, warum kann man dann Charaktere „zurücklesen“? Verlieren sie daraufhin ihre Erinnerungen oder können sie fortan die Geschichte des Buchs verändern? Wenn es nur ausreicht, dass Worte irgendwo aufgeschrieben sind, damit man sie silberzungig vorlesen kann, wozu braucht man dann überhaupt (Original-)Bücher und Autoren? Fragen über Fragen, die der Film nicht mal im Ansatz versucht zu beantworten und mit einem wie angeklebt wirkenden Happy End sogar noch weiter unnötig verkompliziert.

Innerhalb der sich langsam häufenden Fantasyschlachten der letzten Jahre sticht Tintenherz visuell einfallsreich durchaus hervor. Insgesamt jedoch bleibt das Problem der Filme über Bücher bestehen: Bilder funktionieren anders als Worte. Kein Wunder, dass der Film alle „herausgelesenen“ Repräsentationen aus Büchern wählt, die wie The Wizard of Oz auch erfolgreich verfilmt worden sind, und somit aus einer schon bestehenden Ikonografie schöpfen können. Damit verwässert er aber gleichzeitig sein eigenes Konzept und so bleibt am Ende nicht viel mehr übrig als ein notdürftig mit Kaugummi zusammengehaltener Weihnachts-Familienfilm ohne viel Biss, der im großen Teich der kinematischen Phantasmagorien etwas selbstgefällig vor sich hin dümpelt.
6.12.08 22:11
 



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