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Transsiberian

Traue keinem Fremden

von Claudia Bosch


Großbritannien/Deutschland/Spanien/Litauen 2008.
Regie: Brad Anderson.
Buch: Brad Anderson, Will Conroy.
Kamera: Xavi Giménez.
Musik: Alfonso Vilallonga.
Produktion: Julio Fernández, Álvaro Augustín, Todd Dagres, Tania Reichert-Facilides.
Darsteller: Emily Mortimer (Jessie), Woody Harrelson (Roy), Eduardo Noriega (Carlos), Kate Mara (Abby), Ben Kingsley (Ilya), Thomas Kretschmann (Kolzak).
Verleih: Universum.
Länge: 111 Min.
Start: 11.12.2008.


„Traue keinem Fremden!“ ist ein Ratschlag, den Eltern ihren Kindern von klein auf einbläuen. Doch wieso fällt es Erwachsenen selbst so schwer diesen Hinweis zu beherzigen oder ihn zumindest im Hinterkopf zu behalten? Und spätestens seit Hitchcocks Thrillern „Eine Dame verschwindet“ (1938) und „Der Fremde im Zug“ (1951) weiß man, dass man besonders gegenüber Zugpassagieren Vorsicht walten lassen sollte.

Dieser Gedanke scheint für Roy und seine Ehefrau Jessie jedoch in weite Ferne gerückt zu sein, was wohl auch ihrer Urlaubsstimmung anzulasten ist, denn sie reisen mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau. Roy hatte die Idee zu diesem Abenteuer, um seiner Frau endlich wieder näher zu kommen. Durch Andeutungen erfährt man, dass Jessie eine wilde Vergangenheit, inklusive Alkoholproblem, hinter sich hat, und sich im Gegensatz zu ihrem bodenständigen Gatten noch keinerlei Gedanken über Nachwuchs macht, da sie schon genug Schwierigkeiten mit ihrem eingefahrenen Alltag hat. Die gemeinsame Fahrt soll also nicht nur der Annäherung, sondern auch der Abwechslung dienen – und zumindest für letzteres wird, buchstäblich bis zur Schmerzgrenze, gesorgt.

Die Komplikationen beginnen, als sich das zwielichtige Pärchen Carlos und Abby im Abteil der Eheleute einquartiert. Sofort liegt eine seltsame Spannung in der Luft, von der Roy jedoch nichts zu bemerken scheint und mit einer fast schon ans Naive grenzenden Aufgeschlossenheit gemeinsame Unternehmungen initiiert. Jessie registriert zwar die düstere Aura der wortkargen Abby, kann sich den beiden Mitreisenden aber nicht entziehen, weil sie viel zu fasziniert von dem spanischen Bad Boy Carlos ist, der ihr völlig ungeniert Avancen macht.

Ein unangenehmer Vorfall – Roy kehrt nach einem Ausflug nicht rechtzeitig in den Zug zurück – versetzt Jessie in Angst und Schrecken. Sie hat das Gefühl in einen Albtraum geraten zu sein, was definitiv mit: „Nein. Noch nicht…“ beantwortet werden kann, denn Roy taucht schnell wieder auf, allerdings sieht sich das amerikanische Ehepaar plötzlich in ein Gewirr aus Mord und Drogenschmuggel verstrickt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint – erst recht nicht, als sich ihre neue Reisebekanntschaft als russischer Drogenfahnder (Ben Kingsley) entpuppt. Nun müssen sie sich zwangsläufig mit der Frage befassen, wem sie Vertrauen entgegenbringen und wem besser nicht…

Nachdem sich der Zug als Filmschauplatz in den vergangenen Jahren keiner sonderlich großen Beliebtheit erfreute, greifen Regisseure jetzt offensichtlich wieder öfter darauf zurück z.B. Wes Anderson in „Darjeeling Limited“. Oder haben einfach nur Regisseure mit dem Namen „Anderson“ ein besonderes Faible dafür, denn auch Filmemacher Brad Anderson verlegt seine Thrillerhandlung in ein Schienengefährt und zwar in kein geringeres als den Transsibirien-Express, der aufgrund seiner Fahrtroute durch die fremdartige, geheimnisvolle und oftmals verschneite Weite Osteuropas ideal zu diesem Drama passt. Natürlich steigert auch die Enge des Raumes das Gefühl der Beklommenheit – visualisiert durch viele Nahaufnahmen.

Während in der ersten Hälfte des Films ein gemächlicher Rhythmus dominiert, in der die Figuren im Zentrum der Betrachtung stehen, zieht Anderson das Tempo später an, so dass im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlag auf den anderen folgt. Hier passt dann auch der Einsatz der Handkamera, deren Wackelbilder im ruhigen ersten Teil als störend empfunden werden.
Woody Harrelson muss sich mit dem unscheinbarsten Part des Films begnügen. Selbst nach Einsetzen des Katz-und-Maus-Spiels werden ihm wenige Reaktionsmöglichkeiten gewährt, so dass Roy nicht über die Funktion eines treudoofen Anhängsels hinauskommt. Eine weit interessantere Figur ist dagegen Roys Ehefrau Jessie (Emily Mortimer), die sich durch eine Reihe falscher Entscheidungen immer tiefer ins Unglück manövriert und dem damit einhergehenden psychischen Druck kaum noch standhält. Dadurch ergibt sich reichlich Spannungspotential, vor allem in Szenen, in denen sie mit dem listigen Ermittler Ilya Grinko (Ben Kingsley) konfrontiert wird.
Irritation ruft eine brutale Folterszene hervor, die zwar eine narrative Funktion erfüllt, aber definitiv dezenter inszeniert werden hätte können.
Anderson verzichtet zugunsten einer klassischen Dramaturgie auf Erzählexperimente, so dass es sich bei „Transsiberian“ um einen soliden, wenn auch oftmals absehbaren Thriller handelt.


17.12.08 18:07
 



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