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Gier und Begierde

--- Outtake aus unserer Hof-Berichterstattung 2008 ---

 

„Jerichow“

 

von Harald Mühlbeyer

 

D 2008, Regie: Christian Petzold; Buch: Christian Petzold; Kamera: Hans Fromm; Musik: Stefan Will; Produktion: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber.

Darsteller: Benno Fürmann (Thomas), Nina Hoss (Laura), Hilmi Sözer (Ali Özkan).

Verleih: Piffl

Laufzeit: 93 Minuten

Kinostart Dtl.: 08.01.2009

 

IMDb-Link

 

Nina Hoss spielt in Christian Petzolds „Jerichow“ eine der drei Hauptrollen. Ihre Laura ist gefangen im Goldenen Käfig der Ehe mit Ali (Hilmi Sözer) – per Ehevertrag an ihn gebunden, an ihn, der all ihre Schulden übernommen hat. Sie will raus, egal wohin. Genauso wie Thomas (Benno Fürmann), der mittellos im halb verfallenen Haus seiner verstorbenen Mutter haust. Ihn holt Ali quasi direkt von der Saisonarbeit auf dem Gurkenflieger ab – als Fahrer, dann als Assistent und Stellvertreter in seiner Verwaltung und Belieferung diverser Imbissbuden in der ganzen Gegend.

 

Eine Gegend irgendwo im Osten der Republik, die flach ist, wo sich der Blick weit am Horizont verlieren kann – eine Gegend, die den Protagonisten keine Heimat bietet, ein Land, wo keiner verwurzelt sein kann: Ali aus der Türkei nicht, obwohl er es als Imbissbudenboss zu was gebracht hat, Thomas nicht, der in Afghanistan gekämpft hat und unehrenhaft entlassen wurde, Laura nicht, die finanziell gebunden ist ohne Hoffnung auf Besserung.

Christian Petzold seziert wie ein Chirurg die Beziehungen seiner Protagonisten zueinander, baut ein Gebilde von Annäherung und Abstoßung zusammen, fragil wie ein Mobile und explosiv wie Nitroglyzerin – die kleinste Erschütterung ist höchst gefährlich. Und er führt fort, was er in „Yella“ schon begonnen hat: die präzise Beschreibung und Analyse der Verbindung von Geld und Sex. Deren Verhältnis zueinander geradewegs in die Fatalität führen.

 

„Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat“, bringt es Laura mal auf den Punkt; doch kann man sich lieben, wenn man Geld hat? Ali hat sich Laura gekauft; die hängt sich an Thomas, verbunden durch den Trieb zueinander, durch den Trieb weg von ihrem bisherigen Leben. Küsst ihn in der Kühlkammer, um dann, im nächsten Moment, für Ali wieder geschäftsmäßig mit der Inventur fortzufahren. Als Ali, der stets so misstrauisch ist, dass er ihr nachspioniert, sobald sie einmal nicht mit dem Handy erreichbar ist, sie tatsächlich erwischt mit einem Getränkegroßhändler – da ist die Versöhnung erst möglich, als sie ihm schwört, dass es gar kein sexueller, sondern nur ein finanzieller Betrug war.

 

Liebe und Geld, Triebe und Gier, das sind die motivischen Pole nicht nur in „Jerichow“, sondern auch im Film noir. Und Petzold ist klug genug, in seine distanzierte Inszenierungsweise, die oft fast kalt und gefühllos erscheint, kleine Elemente des Noir einzubauen, als Referenzen an das Genrekino ebenso wie als kleine ironische Seitenblicke – denn wirkliche Dramaturgie baut er nur auf, indem er Laura als klassische femme fatale charakterisiert, und indem er einem auffälligen Feuerzeug eine tragende Rolle zuweist… Darin steckt ein untergründiger Witz, ein auch selbstironisches und selbstreflexives Augenzwinkern: weil dies ein Film ist, muss die Handlung weitergetrieben werden – dafür benützt Petzold die Genreversatzstücke –, auch wenn eigentlich die Figuren ganz ziellos dahindriften und sich ihren Trieben ergeben.


19.12.08 13:13
 



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