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„Frost/Nixon“

Frostige Zeiten für Richard Nixon

von Sarah Böhmer

USA 2008, R: Ron Howard, B: Peter Morgan (Stück und Drehbuch), K: Salvatore Totino, M: Hans Zimmer, P: Tim Bevan, Eric Fellner, Brian Grazer, Ron Howard

D: Frank Langella (Richard Nixon), Michael Sheen (David Frost), Sam Rockwell (James Reston, Jr.), Kevin Bacon (Jack Brennan), Matthew Macfadyen (John Birt), Oliver Platt (Bob Zelnick), Rebecca Hall (Caroline Cushing)

Länge: 122 Minuten.
Verleih: Universal
Kinostart: 05.02.2009



Als Richard Nixon am 9. August 1974 im Angesicht einer Amtenthebungsanklage seine Präsidentschaft niederlegte, hatte der vorangegangene Watergate-Enthüllungsprozess die Grundfesten der amerikanischen Demokratie bereits zutiefst erschüttert. Seither ist der Name Nixon mit Watergate so eng verwoben, dass sogar Nicht-Amerikaner eine Assoziationskette bilden können. Kein schönes Erbe, das Nixon in der Erinnerung der Menschen hinterlassen hat – und ein großer Schatten, der seine positiven Errungenschaften verschluckt. 1995, ein Jahr nach Nixons Tod, ist Oliver Stone in seinem aufwendigen Bio-Pic den allgemeinen historischen Bemühungen um ein differenziertes Bild des Ex-Präsidenten entgegengekommen, indem er den problembeladenen Menschen hinter dem unbeliebten Politiker zeigte. Nun bereitet Ron Howard ein weiteres Kapitel aus Nixons Leben für die große Leinwand auf: den letzten großen Medienauftritt des Ex-Präsidenten in der Interview-Session mit dem britischen Moderator David Frost. Basierend auf Peter Morgans gleichnamigen Stück "Frost/Nixon" versucht Howard der Dualität der Figur Nixon gerecht zu werden und dabei die richtige Mischung aus Authentizität, Spannung, Massentauglichkeit und aktueller Relevanz zu finden. Dass solch ein Jonglierakt nicht ohne Patzer verlaufen kann, ist keine große Überraschung.

David Frost, britischer Talkshowhost und notorischer Playboy, schlägt sich mehr schlecht als recht mit diversen Unterhaltungssendungen in Australien durch und träumt davon, wieder im amerikanischen Geschäft Fuß zu fassen. Als er Richard Nixons Rücktritt im Fernsehen mitverfolgt, beschließt er, durch eine enthüllende Interview-Reihe mit Nixon das nach einer Entschuldigung für die politischen Fehltritte lechzende, amerikanische Volk für sich zu gewinnen. Waghalsig investiert er mehr Geld als seine Taschen hergeben in das Unternehmen, muss jedoch bald feststellen, dass Politiker in einer anderen Liga als die BeeGees spielen. Zwar kommt Nixon schnell ins Schwitzen, aber ein Strahlemann-Lächeln und ein paar prekäre Fragen reichen nicht aus, um einem professionellen Nichtssager mehr als nur einen Schwall nostalgischer Anekdoten zu entlocken. Ein Duell zwischen den Kontrahenten entbrennt – denn am Ende wird nur noch für einen Platz auf der Bildfläche sein.



Wie Peter Morgan nach Drehschluss wohlwollend feststellte, besitzt Ron Howard die Fähigkeit, einen komplexen Stoff so aufzubereiten, dass er für ein Kinopublikum sofort attraktiv wird. Wenn allerdings ein historisches Ereignis in einer standardisierten 3-Akt-Struktur daherkommt und in der Inszenierung einem Boxkampf ähnelt, fragt man sich als Zuschauer mit weniger wohlwollendem Gestus, wie viel Wahrheitsgehalt überhaupt hinter diesem Doku-Drama steckt. Inmitten auflockernder Schuh-Witze und der breit ausgetretenen Darstellung von Nixons Geiz und Geldgier wähnt man sich nun mal nicht in der Sicherheit historischer Korrektheit. Aber schiebt man mal die Frage nach Authentizität beiseite, kristallisiert sich sehr schnell und überdeutlich das Anliegen des Films heraus. Es ist bei weitem keine Neuigkeit mehr, dass mit dem Einzug des Fernsehens in die Haushalte der optische Eindruck, den Politiker vermitteln, eine immer größere Bedeutung gewonnen hat. Trotzdem ist es interessant zu sehen, wie "Frost/Nixon" den Einfluss, den die mediale Repräsentation von Politikern auf die öffentliche Meinung nimmt, reflektiert und kritisiert. Politiker – und nicht nur sie! – werden nicht allein nach ihrer Kompetenz und dem Inhalt ihrer Wahlreden beurteilt, sondern es zählt auch ihre Wirkung vor der Kamera. Der Film macht schnell klar, dass das Medium Fernsehen nicht nur dienen, sondern auch vernichten kann – denn wenn man vor der Wahl zwischen einem gutaussehenden und wortgewandten Kennedy oder einem deutlich schwitzenden und wenig charismatischem Nixon steht, kann man sich als Zuschauer eben nicht darauf verlassen, dass die Sympathie dem besser Argumentierenden zufliegt. Der Film verweist zynisch darauf, dass Politiker in erster Linie auch Performer sind – nicht zuletzt, wenn ein verbitterter Nixon feststellt, dass ein Talkshowhost ein guter Politiker wäre, weil er sich leicht vor der Kamera und im Umgang mit Menschen tut. Mit dieser Kritik der Oberflächlichkeit und daher leichten Manipulierbarkeit des Zuschauers trifft der Film zu Hoch-Zeiten des Zahn-Bleaching- und Botox-Wahns natürlich einen besonderen Nerv.



Allerdings stört die etwas platt inszenierte Playboy-Attitüde David Frosts, was auch Michael Sheens gutes Schauspiel nicht wieder herausreißen kann. Wenn Frost sich erstmals in der Nacht vor dem letzten Interview ernsthaft vorbereitet und somit erst in der finalen Sitzung überhaupt weiß, wovon er eigentlich spricht, setzt der Film Nixon eine recht abgeschmackte Karikatur eines Talkshowhosts gegenüber. Allerdings bemüht sich der Film zumindest bei der Darstellung des Ex-Präsidenten einigermaßen um Zwiespältigkeit – die man vor allem Anthony Langellas Spiel verdankt, das wunderbar zwischen verlogenem Größenwahn und von Minderwertigkeitskomplexen zugespitzter Paranoia changiert.

Wenn man im Kino ein so dunkles Kapitel amerikanischer Geschichte mit über 20-jähriger Verspätung aufgearbeitet sieht, blitzt zwischen den Zeilen natürlich die Analogie zur Bush-Regierung durch, die sich mit dem Irakkrieg, dem Amtsmissbrauch durch die U.S. PATRIOT Acts und der Terroristen-Paranoia gar nicht so sehr von den Verfehlungen der Nixon-Ära unterscheidet. Rechtzeitig zu Beginn der Obama-Präsidentschaft und den daran gebundenen überschwänglichen Hoffnungen auf ein Nachlassen der Korruption darf nun ein weltweites Publikum in "Frost/Nixon" bewundern, wie der undemokratischste U.S.-Präsident der Geschichte (so weit bekannt) besiegt und gebrochen vor dem Volk den Hut zieht und um Verzeihung bittet. Ist das nicht, was man sehen möchte?
25.1.09 13:08
 



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